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Die DSGVO als Wake-Up-Call

Dank der EU-DSGVO wird der Wert der persönlichen Daten sichtbar und der User-Benefit relevant.
Götz v. Bechtolsheim | 05.03.2018
© Pixabay / Geralt
 

Viel wurde schon geschrieben über die Digitalisierung und darüber, dass Europa sie komplett zu verpassen scheint. Milliardenbeträge werden hochgerechnet an Verlusten für den Mittelstand. Der Politik wird vorgeworfen, sie nicht verstanden zu haben. Und der Gesellschaft sowieso. Daten, das Öl des 21. Jahrhunderts gibt’s nur in Silicon Valley, China und Tel Aviv.

DSGVO als Glücksfall


Und jetzt kommt die Datenschutz-Grundverordnung, kurz: DSGVO. Wieder eine eurokratische Hürde? Das Ende des E-Commerce? Der endgültige Sargnagel für die Digitalisierung Deutschlands und Europas? Mitnichten! Die DSGVO ist das Beste, was uns im alten Europa passieren konnte. Denn sie macht uns mit einem Schlag den Wert von Daten bewusst.

Die DSGVO zwingt Unternehmen, ihre personenbezogenen Daten zusammenzuführen. Silos werden richtig teuer! Und obwohl wir schon seit Jahren von Customer Centricity und 360-Grad-Views lesen, sind die Silos noch immer Realität. Beispiel Auto-Branche: Das gekaufte Auto (Silo „Kundendaten“), das finanzierte Auto (Silo „Bank-Kunden“) und das gewartete Auto (Silo „Service“) sowie die Empfänger des Autohaus-Newsletters (Silo: „Newsletter“) sind weiterhin völlig unabhängig voneinander.

Die DSGVO verhilft Daten zu einem sichtbaren Wert


Zurück zur DSGVO. „User“ müssen der Speicherung, Verarbeitung, Weitergabe und Nutzung ihrer persönlichen Daten bewusst zustimmen. Durch die Vorgaben der DSGVO bekommen personenbezogene Daten plötzlich einen sichtbaren Wert. Die DSGVO schafft das Datenbewusstsein, das alle Digitalisierungs-Offensiven bisher nicht vermitteln konnten. Die „Volks-Digitalisierung“ ist endlich da.

Quer durch die Branchen wird in den Unternehmen der Umgang mit Daten ins Rampenlicht gezerrt. Wurde bisher alles gesammelt, was irgendwie in einer Tabelle abbildbar war, setzt jetzt ein Umdenken ein: Welche Daten brauchen wir? Wofür? Und was können wir den Kunden dafür anbieten, dass sie uns ihre Daten geben? Der „User Benefit“ datengetriebener Angebote war noch nie so relevant, wie er es ab dem 25. Mai 2018 sein wird.

Google macht es bereits vor. Nach und nach muss jeder, der Google Maps oder ein anderes, kostenfreies Produkt aus Mountain View nutzen möchte, der Erhebung, Speicherung, Verarbeitung und zum Teil auch der Weitergabe seiner Daten zustimmen. Da ist sie, die Transparenz! Wann ziehen, um beim Beispiel zu bleiben, die Autohersteller nach? Sie werden nachziehen. Noch rauchen die Köpfe in Wolfsburg, Stuttgart und München: Welche Daten haben wir eigentlich? Und wo? Und wozu? Welche brauchen wir? Und wie überzeugen wir die Kunden davon, sie uns zu überlassen? Und was sind sie uns wert?

Die letzte Frage ist die entscheidende. Der Wert von Kundendaten, der bisher nur als Begründung für die Millionensummen der Start-Up-Investitionen herhalten musste, wird auf allen Hierarchie-Stufen zur relevanten Größe. Und bei allen Marktteilnehmern einschließlich der „Datensubjekte“, als die wir in der DSGVO bezeichnet werden.

Datenmonetarisierung durch Service und Prognosen


Damit kommt ein weiterer Aspekt ins Rampenlicht: Die Datenmonetarisierung. Welche Daten haben eigentlich einen Wert – und welchen? Wieder ein Beispiel aus der Autobranche: Fahrstil-Analysen können einer Versicherung helfen, Risiken einzuschätzen und Tarife anzupassen (ob wir Versicherte das wollen, ist eine andere Frage). Sie können die vorausschauende Ersatzteilversorgung optimieren oder die Werkstattauslastung planbarer machen. Das Schlagwort vom Zeitalter der Predictions, also der Vorhersagen, stammt zwar aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz, basiert aber – und darum geht es ja – auf Daten, auch auf persönlichen.

Auf der anderen Seite des Aspektes Datenmonetarisierung steht die Einwilligung des Kunden, seine persönlichen Daten zur Nutzung freizugeben. Daraus entsteht eine neue Disziplin der Kommunikation, die Einwilligungskommunikation. Wie gelingt es uns, dem Kunden seinen individuellen Mehrwert, den Customer Benefit, zu vermitteln, den er hat, wenn er uns seine Daten überlässt? Und was ist es uns wert, diesen Customer Benefit zu schaffen? Das können digitale Services sein, Statistiken und Infografiken, Rabatte oder Gutscheine. Der Ideenfindungsprozess läuft gerade erst an.

Wenn wir also durch die DSGVO begreifen, dass Daten Werte sind, dann verstehen wir auch, dass jeder einzelne von uns an der Quelle der Wertschöpfung sitzt. Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts und wir die Rohstoff-Lieferanten. Die DSGVO macht „gläserne Opfer der Datenkraken“ zu selbstbestimmten Datenhändlern unserer persönlichen Daten. Das ist der Beginn der flächendeckenden, individuellen und persönlichen Digitalisierung. Danke, DSGVO!