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Storytelling: Die Macht des wahren Lebens

Die Heldin mit der schiefen Nase - oder: Warum der klassische Held nicht immer Superman sein muss, sondern lieber ein Held des Alltags.
Harald Kopeter | 17.09.2018
© Pixabay / NeuPaddy
 

Von Heldenreisen ist immer sofort die Rede, sobald Content Marketer den Begriff Storytelling anstupsen. Alle sehen wehende Capes und das Superman-Emblem auf breiter, geschwellter Brust. Der entschlossene Gesichtsausdruck verrät: Jetzt ist es Zeit für die ganz besonderen, außerordentlichen, überirdischen Superkräfte, die die bedrohte Welt im Handumdrehen retten ... und alle, die sich noch nicht mit dem Prinzip Heldenreisen beschäftigt haben, sehen sich auf der Stelle außerstande, einen klassischen Helden für ihr Storymarketing aus dem Hut zu zaubern. Oder kennen Sie vielleicht einen leibhaftigen Superman, einen coolen James Bond, eine starke Wonder Woman oder einen Harry Potter mit der superklugen Hexe Hermine an der Seite?

Nichts wird so heiß gegessen ...


An dieser Stelle bricht leichte Panik aus. Aber sehen Sie, wir kennen diese Heldinnen und Helden auch nicht. Das Überirdische ist eben so, wie es ist: überirdisch. Aber wir kennen viele, sehr viele Alltagsheldinnen und -helden, die wir täglich treffen, mit denen wir unser Leben bestreiten, die uns morgens im Spiegel anschauen – und vor allem: Wir kennen ganz, ganz viele noch gar nicht! Also: Nichts wird so heiß gegessen wie gekocht, besagt ein altes Sprichwort, das wir auch hier aus der Mottenkiste kramen dürfen. Denn Sie dürfen das Wort „Heldenreise“ ganz einfach nicht wörtlich nehmen, sondern müssen mit dem Symbolwert arbeiten.

Wer kann alles ein Held sein, wo stecken die Heldinnen, die in der Geschichte rund um Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung eine Rolle spielen können? Meister Proper ist muskelbepackt, aber er überwindet nur Staubkörner. Es ist nur Dreck! Ehrlich, es könnte auch ein schmalbrüstiger Nerd mit Hornbrille sein: Jeder, der für uns das Staubtuch schwingt, ist ein Held. Die gewitzte Mama begeistert ihre Rasselbande mit Pinguinschritten, die zum Snack führen. Es sind nur aufgedrehte Kids! Jede, die den unterzuckerten, quängelnden Nachwuchs zum Lachen bringt, ist eine Heldin. John Deere, der Erfinder des ersten Kundenmagazins (das noch immer am Markt ist!), hat nur Alltagstipps von Farmern veröffentlicht und so die Arbeit von zahlreichen Landwirten in Amerika erleichtert. Eine unglaubliche unternehmerische Erfolgsgeschichte startete mit dem Weitergeben von relevanter Information: Wie hat der Nachbar dieses und jenes Problem gelöst?

Schön, aber nicht wahr – und schon gar nicht wahrscheinlich


Denn machen wir uns nichts vor: Das Model, das am Rand des Infinity Pools auf den Malediven weiße Schokolade genießt, ist schön, aber nicht wahr – und schon gar nicht wahrscheinlich. Wenn wir uns auf die abgewetzte Couch knallen und Schokoladekugeln auf der Zunge zergehen lassen, dann winkt der nächste Pickel und das Hüftgold freut sich über den Zuckernachschub. Natürlich will das keiner wissen. Aber alle wollen wir wissen, wie wir „ungestraft“ genießen dürfen. Doch Halt, eigentlich wissen wir das ja schon: Yoga mit der Katze – und erst dann ab zum Kühlschrank! Sie wissen schon: „Mensch müsste man sein!“

Die Heldin mit der schiefen Nase


Aus dem Alltag „entführt“ zu werden, ist eine schöne Sache, findet aber in der Realität eher selten statt. Auch deshalb haben Storys besonders viel Anziehungskraft, die uns zeigen, wie aus dem ganz normalen Arbeits- und Familienalltag etwas Besonderes wird, einfach dadurch, dass wir näher hinsehen und erkennen können, was daran ganz wunderbar läuft. Heldenreisen sind umso berührender, je näher sie unserem Leben sind. Unser Leben ist genauso wenig perfekt wie wir selbst, und genau dieses „Setting“ besticht durch seine Authentizität. Wir kennen diesen Schauplatz und suchen täglich nach Problemlösungen und Ideen, wie wir wachsen und lernen können.

Alle, die uns dabei helfen, eleganter durch den Alltag zu kommen, sind willkommen und sollten als Heldinnen und Helden gefeiert werden. Ein Riesenpool an Storys tut sich vor uns auf! Da ist die Nachbarin mit der schiefen Nase, die uns zur Joggingrunde mitnimmt. Sie ist in diesem Moment, in dem sie mit aufmunterndem Grinsen unseren inneren Schweinehund verjagt, genauso heldenhaft wie Nemo aus dem Pixar-Film „Findet Nemo“, der trotz verkümmerter Flosse aber mit viel Mut im großen weiten Ozean überlebt.

Zoom rein ins pure Leben


Panik vor einer großen Story ist also nie angebracht. Denn – und das wissen vor allem Journalistinnen und Journalisten seit langer Zeit – die besten Geschichten liegen auf der Straße. Mit den „großen“ Storys und konstruierten Actionfilm-Scripts beamen wir uns in abgedunkelten Kinosälen weg aus unserem Leben. Vielleicht funktioniert es sogar, dass wir uns für zwei Stunden ein bisschen wie Superman oder Wonder Woman fühlen. Aber nachhaltig, um hier das abgelutschte Modewort zu bemühen, ist das Ganze nicht für uns. Mehrwert bringen für uns jene Geschichten, die wahrscheinlich sind und auf eine Weise in unser Leben passen, die uns weiterbringt. Und das liegt nicht nur an der Langeweile, die uns mittlerweile überkommt, wenn wir perfekt Inszeniertes aufgetischt bekommen. Bekannt ist ja die Tatsache, dass Models mittlerweile mit einem gewissen „Makel“ besser gebucht sind.

Zoomen Sie also hinein in unser Alltagsleben und sehen Sie das Besondere genau darin. Klar, alle wissen das: Alltag kann ziemlich grau sein, aber meist macht unser Blick auf die Ereignisse die Farbgebung aus. Wir brauchen auch keine rosa Brille, ein offener, realistischer Blick tut es auch. Nehmen Sie das als Übung für Ihr Storymarketing und Sie werden erfahren, dass nicht nur ihre Storys, sondern auch ihr Leben besser wird.