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Bessere Stories durch Zuhören im Unternehmen

Storylistening macht interne und externe Narrative sichtbar und schafft die Basis für glaubwürdige Markenkommunikation und Employer Branding.
Anne M Schüller | 17.04.2026
© Shutterstock
 

Menschen lassen sich lieber durch gut gemachte Geschichten zu einem erwünschten Tun inspirieren als durch sachliche Darstellungen, nüchterne Kennziffern und trockene Fakten. Umfängliche Texte, chronologische Auflistungen, Zahlenkolonnen, minutiöse Dashboards und vollgestopfte Powerpoints sind zwar sehr populär, doch es ist äußerst unwahrscheinlich, andere als ausgewiesene Zahlenfreunde hierüber zu gewinnen.

Der wahre Profi bringt seine Botschaften über stimmige Geschichten und kluge Metaphern rüber. Zum Beispiel gehören packende Beispiele, lebendige Anekdoten und anschlussfähige Narrative unbedingt ins Repertoire jeder Führungskraft, weil das die Überzeugungsarbeit sehr viel einfacher macht. Geschichten bieten uns eine gefahrlose Lernumgebung, um, bevor es tatsächlich losgeht, schon mal unseren Geist zu trainieren.

Fakten sind langweilig, Geschichten sind spannend

Geschichten machen ein Unternehmen einzigartig. Sie erzählen, wie die Menschen dort ticken. Dies zeichnet ein realeres Bild als jede Hochglanzbroschüre. Geschichten sorgen für Wärme und Nähe. Pure Fakten hingegen vermitteln kühle Distanz. Insofern sind wahrheitsgetreue Geschichten nicht nur für das Marketing, sondern auch für das innerbetriebliche Miteinander wichtig, und für das Recruiting auf der Suche nach Top-Talenten hochinteressant. Sie verbessern das Employer Branding und stärken die Arbeitgeber-Reputation.

Am wirkungsvollsten sind Geschichten immer dann, wenn die Mitarbeitenden von ihren Erlebnissen persönlich berichten und ihre Lernprozesse mit anderen teilen. Solche Erzählungen sind glaubwürdiger als jede PR, die die Firma geschönt erzählt. Reden Sie deshalb mit der gesamten Belegschaft, um passende Geschichten in Erfahrung zu bringen. Sammeln und dokumentieren Sie diese und geben Sie Passendes zügig in Umlauf. Auch die einschlägige Presse kann hierfür ein dankbarer Abnehmer sein.

Wie man aus internen und externen Quellen schöpft

Gerade auf den Hinterbühnen der Unternehmen kursieren viele Geschichten. Ermitteln Sie das zum Beispiel so:

  • Was wird auf den Gängen und in der Kaffeeküche erzählt?
  • Welche Storys werden über den (digitalen) Flurfunk verbreitet?
  • Was wird von Praktikanten und Ehemaligen ausgeplaudert?
  • Was wird von Außendienstlern unters Volk gebracht?
  • Wie reden Servicemitarbeiter beim Kunden über Internes?
  • Welche Storys tragen die Lieferanten und Partner weiter?
  • Was erzählen die Führungskräfte hinter vorgehaltener Hand?
  • Was sagen Pförtner und Empfangspersonal, wenn man sie fragt?
  • Was erzählen sich die Azubis? Und wo verbreiten sie das?
  • Welche Anekdoten haben Pensionäre aus früheren Zeiten parat?

Sichten Sie zudem Arbeitgeberbewertungsportale und das Social Web.

Jede erzählte Geschichte dringt auch nach draußen

Analysieren Sie bei jeder Story die Tonalität. Was sagen die erzählten Geschichten über die Stimmung im Unternehmen? Ist der Chef darin Held oder Horrorgestalt? Wie wird das Verhalten der Führungskräfte beurteilt? Kommen Ihr Recruiting, das Onboarding, Offboarding sowie Ihre Aus- und Weiterbildungsarbeit positiv weg? Wie steht es um den Stolz auf die Firmenprodukte? Was wird über Ihre Zukunftsfähigkeit, Ihren Umgang mit Umweltschutzthemen und Ihre Digitalisierungsexpertise kolportiert?

Jede Geschichte, die drinnen im Unternehmen rumerzählt wird, wird sehr wahrscheinlich auch nach außen dringen. Und ist sie erst mal im Umlauf, ist sie nicht mehr zu kontrollieren. Sie wird zur Empfehlung – oder zur Warnung. Keine noch so fleißige Presseabteilung, kein noch so bunter Imageprospekt, keine noch so ausgefeilte Gegendarstellung kann negative Mundpropaganda stoppen. Sie verselbständigt sich und zieht ihre bösen Bahnen. Im Positiven funktioniert das glücklicherweise genauso.

Gute Storys am besten in einer Ideenbank sammeln

Gute Geschichten sollten systematisch gesammelt werden, damit sie nicht verlorengehen. Ideal dafür sind Social-Collaboration-Programme, die wie eine Mischung aus Wiki, Blog und Bewertungsportal funktionieren. Alternativ lassen sich bestehende digitale Learning Experience Plattformen (LXP) nutzen, um die oft weit verstreuten Geschichten zu bündeln. Passende Storys aus allen Bereichen des Unternehmens – besonders über Kundenzufriedenheit – können darin unterkommen.

Ich nenne ein solches Tool gern Ideenbank, weil es wie ein Sparkonto funktioniert: Bei Bedarf kann man Geschichten einzahlen, abheben und weiternutzen, andere bleiben als Einlage für später liegen. Dieses Vorgehen reduziert auch verständlichen Mitarbeiterfrust, wenn deren Geschichten-Ideen nicht gleich an die Reihe kommen. Vielmehr lässt man alle Interessierte auf basisdemokratische Weise an einem kontinuierlichen Storysammeln, Bereichern, Bewerten und Verbreiten teilhaben.

Am besten werden zunächst passende Oberkategorien gebildet. Eine Verschlagwortung sowie eine Suchfunktion helfen beim zügigen Finden. Unter jede Geschichten-Idee kommt ein Kommentarfeld, so dass die Mitarbeitenden darüber diskutieren können. Ferner gibt es eine Fünf-Sterne-Bewertungsfunktion sowie die Ja/Nein-Frage, ob die Story interessant und hilfreich ist. Schaffen Sie außerdem originelle Anreizsysteme, um die wirkungsvollsten Geschichten und ihre Erzähler:innen zu feiern. Mehr dazu in meinem neuen Buch "Narrative für eine bessere Zukunft".