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Warum der Funnel im KI-Zeitalter nicht mehr reicht

Loop Marketing ersetzt den Funnel: KI, Zero-Click-Suche und iterative Lernzyklen machen Marketing zu einem kontinuierlichen Prozess.
Jennifer Lapp | 28.01.2026
© HubSpot
 

Marketing steckt mitten in einer stillen, aber tiefgreifenden Verschiebung. Immer mehr Suchanfragen enden direkt in AI-Overviews, Inhalte werden wahrgenommen, ohne je geklickt zu werden, und Kaufentscheidungen fallen früher im Prozess. Rund 60 Prozent der Suchanfragen bleiben inzwischen ohne Klick – ein klares Signal dafür, dass sich Informations- und Entscheidungswege grundlegend verändert haben.

Gleichzeitig kommen diejenigen Nutzer:innen, die tatsächlich auf Websites landen, deutlich vorbereiteter an. Die Recherche ist oft bereits abgeschlossen, der Erwartungshorizont klar. Für Marketing heißt das: weniger Reichweite, aber mehr Relevanz. Parallel verändert KI die tägliche Arbeit in Marketingabteilungen spürbar. Prozesse werden automatisiert, Inhalte schneller produziert, Planungszyklen kürzer. Geschwindigkeit ersetzt Perfektion, Lernen schlägt Langfristplanung und lineares Denken stößt zunehmend an seine Grenzen.

Vom Trichter zur Schleife

Der klassische Funnel bildet diese Realität kaum noch ab. Entscheidungsprozesse verlaufen nicht mehr sauber von Awareness bis Conversion. Sie springen, wiederholen sich, verzweigen sich – über Plattformen, Formate und Zeitpunkte hinweg. Genau hier setzt das Konzept des Loop Marketing an.

Statt eines stufenförmigen Trichters beschreibt das Modell eine dynamische Schleife: Marketing wird als kontinuierlicher Prozess verstanden, der aus wiederkehrenden Touchpoints, laufender Anpassung und permanentem Lernen besteht. Menschliche Kreativität und KI-gestützte Automatisierung greifen dabei ineinander. Ziel ist nicht mehr die „perfekte Kampagne“, sondern ein System, das sich ständig selbst verbessert.

Im Kern besteht dieser Loop aus vier Phasen, die nicht nacheinander abgearbeitet, sondern fortlaufend durchlaufen werden.

  1. Gestalten: Haltung vor Automatisierung

Am Anfang steht nicht das Tool, sondern die Haltung. Wer KI im Marketing einsetzt, ohne eine klare Markenidentität definiert zu haben, produziert vor allem eines: austauschbaren Content. Stil, Tonalität und Perspektive müssen klar formuliert sein. Und zwar so, dass auch automatisierte Systeme sie reproduzieren können.

Gerade im KI-Zeitalter wird Markenführung damit nicht weniger wichtig, sondern zentraler. Denn je einfacher Inhalte erzeugt werden können, desto stärker entscheidet die zugrunde liegende Haltung darüber, ob Kommunikation unterscheidbar bleibt.

  1. Anpassen: Relevanz schlägt Reichweite

Personalisierung bedeutet heute mehr als Zielgruppen in grobe Segmente zu unterteilen. KI ermöglicht es, Kontexte, Interessen und Verhaltenssignale deutlich granularer zu berücksichtigen. Für Marketing heißt das: weg von der Gießkanne, hin zu passgenauen Kommunikationspfaden.

Der Anspruch verschiebt sich. Es geht weniger darum, möglichst viele zu erreichen, sondern die Richtigen im richtigen Moment anzusprechen. Gerade in einer Welt voller generischer Inhalte wird dieser individuelle Fit zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.

  1. Verstärken: Aufmerksamkeit entsteht nicht mehr zentral

Kaufentscheidungen folgen keinem Leitkanal mehr. Aufmerksamkeit verteilt sich auf Social Feeds, Communities, Videoformate, Podcasts oder KI-Suchergebnisse. Content muss deshalb nicht nur gut sein, sondern auch kontextgerecht ausgespielt werden.

Dabei gewinnen vertrauenswürdige Stimmen an Bedeutung – etwa Creator, Expert:innen oder etablierte Communities. Gleichzeitig zeigt sich in vielen Unternehmen eine Rückbesinnung auf persönliche Formate: Events, Roundtables oder Fachgespräche. Sie schaffen etwas, das automatisierte Kommunikation nur schwer leisten kann: Beziehung und Glaubwürdigkeit.

  1. Entfalten: Lernen in Echtzeit

Der eigentliche Kern des Loop-Gedankens liegt in der kontinuierlichen Optimierung. KI ermöglicht es, Maßnahmen nicht erst im Nachhinein zu bewerten, sondern während der Laufzeit anzupassen. Hypothesen werden getestet, erfolgreiche Ansätze skaliert, weniger wirksame sofort verändert.

Wachstum entsteht so nicht durch perfekte Planung, sondern durch wiederholte Lernzyklen. Jede Schleife liefert Daten, die die nächste besser machen.

Was das für Marketingteams bedeutet

Mit Loop Marketing verschiebt sich auch die Rollenverteilung zwischen Mensch und KI. Operative Aufgaben wie Analyse, Segmentierung oder Optimierung lassen sich zunehmend automatisieren. Die Verantwortung der Marketer:innen verlagert sich stärker auf Steuerung, kreative Qualität und strategische Einordnung.

Haltung, Markenführung und inhaltliche Originalität bleiben menschliche Aufgaben. KI erweitert die Möglichkeiten, ersetzt aber nicht die Fähigkeit, eine klare, glaubwürdige Perspektive zu entwickeln.

Für große wie mittelständische Unternehmen ergeben sich daraus drei Konsequenzen: Erstens wird Marken-Konsistenz zur Voraussetzung für wirksamen KI-Einsatz. Zweitens brauchen fragmentierte Kanäle und Zero-Click-Suchen eine deutlich breiter gedachte Content- und Distributionsstrategie. Drittens sind iterative Arbeitsweisen kein Nice-to-have mehr, sondern notwendig, um mit der Dynamik von Markt und Technologie Schritt zu halten.

Der Funnel ist tot – und das ist eine gute Nachricht

Das Festhalten am Funnel-Denken führt heute oft dazu, an der falschen Stelle zu optimieren. Loop Marketing trägt der Realität moderner Entscheidungsprozesse Rechnung: nicht linear, sondern vernetzt; nicht einmalig, sondern wiederholend.

Unternehmen, die diesen Ansatz adaptieren, gewinnen nicht nur an Effizienz. Sie schaffen Klarheit in einer zunehmend komplexen Marketinglandschaft und bauen Kommunikation, die lernfähig bleibt, statt bei jedem Wandel neu anfangen zu müssen.