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Digitale Geschäftsmodelle im Verlagswesen

Die nächste Evolutionsstufe wird eingeläutet. Sie heißt Virtual Reality.
Frank Puscher | 26.11.2019
Virtual Reality ist in der Medizin längst eine etabliertes Instrument zur Simulation von Stress-Situationen © Klaus Knuffmann
 

Virtual Reality fiel bisher nur im Kontext ganz großer, interaktiver Storyformate zum Beispiel bei der New York Times auf. Der Hamburger Verlag Dashöfer hat ein Anwendungsszenario gefunden, das weniger auf das Image sondern mehr auf das Konto der Hanseaten einzahlen soll.

 

„Vor acht Jahren machten wir in der Dashöfer Gruppe noch 70 Prozent unserer Umsätze mit Print-Produkten, heute sind es noch knapp zehn Prozent“. Fabian Friedrichs, der Geschäftsführer des Verlags Dashöfer in Hamburg bringt zum Ausdruck, dass man in den letzten Jahren alles an digitaler Transformation und Disruption durchgemacht hat, was die Digitalisierung der Medienlandschaft zu bieten hat.

 

Das Verlagswesen ist neben der Buchbranche und dem Einzelhandel wohl eines der Marktsegmente, die am Heftigsten von der Digitalisierung betroffen ist. Das liegt vor allem daran, dass das Kernprodukt der Verlage fast vollständig digitalisierbar ist und somit der Online-Vertrieb den klassischen Distributionskanälen in vielen Belangen überlegen ist, ohne, dass die Qualität der vermittelten Information signifikant leidet.

 

Für einen Fachverlag wie Dashöfer gilt das noch mehr. Viele der Artikel und Beiträge sind nur in konkreten Anwendungsfällen relevant und werden nur dafür recherchiert. Das ist digital allemal leichter zu bewerkstelligen, als in einem eigens angelegten Ordnerarchiv. Gleichzeitig verändert sich die Sach- und Rechtslage des vor allem auf Finanzen und Steuerrecht spezialisierten Verlags permanent, so dass die digitale Distribution von Updates allemal besser funktioniert, als der Versand von Ergänzungen zur Loseblatt-Sammlung.

 

Endemische Innovation

Es gibt für Verlage im Grunde drei Strategien, um aus dem Wandel der Mediennutzung seitens der Kunden zu profitieren. Großverlage wie Burda und Springer setzen auf Beteiligungen an Verlags-fremden Unternehmenskonzepten wie Dating oder Gebrauchtwagenhandel. Diversifikation also.

 

Kleinere Verlage wie die Ebner Verlagsgruppe in Ulm, versuchen die Strukturen und Distribution der Inhalte so zu verbessern, dass digital so viele Werbeeinnahmen zu erzielen sind, dass die Ausfälle im Printsegment kompensiert werden können.

 

Und manch Verleger begibt sich auf die Suche, nach digitalen Lösungen, die sein Geschäftsmodell so attraktiv machen, dass die Kunden unmittelbar für die Leistung bezahlen, die sie erhalten. Ein solcher Verlag ist Dashöfer. Schon in der Vergangenheit erweiterte man die redaktionell-gepflegten digitalen Produkte um E-Learning und Onlinekurse. Und die nächste Evolutionsstufe wird soeben eingeläutet. Sie heißt Virtual Reality. „Wir sind volles Risiko gegangen, auch was das Budget angeht. Das war deutlich sechsstellig“, sagt Fabian Friedrichs.

 

Der Verlag erschließt sich dafür ein neues Themenfeld: Präsentationen, Vorträge und Reden.  „Gerade wenn sich die digitale Welt schneller dreht, muss man viel mehr miteinander kommunizieren“, so Friedrichs. Seiner Beobachtung nach müssen immer mehr Menschen immer mehr präsentieren, entweder gegenüber den Vorgesetzten, innerhalb ihrer Teams oder in Konferenzen. Es geht Friedrichs dabei nicht um die Fachkompetenz, sondern um die Softkills. Eine klare Aussprache, wenig Unsicherheit, ein selbstsicheres Auftreten mit Blickkontakt zu den Zuhörern. „Wir sind ein Weiterbildungsverlag. Wir wollen den Unternehmen bei der digitalen Transformation helfen“.

 

Das VR-Meeting

Das erste Produkt in diesem Segment heißt EasySpeech. Der Trainierende setzt die VR-Brille auf, konfiguriert eine Handvoll Parameter und findet sich vor einem teils interessierten, teils gelangweilten Auditorium wieder. Die Uhr tickt: Der Vortrag kann beginnen. Der User kann seine eigenen Folien ins System laden und durchklicken. Am Ende der Präsentation bekommt er unmittelbar in der VR-Brille eine Kurzauswertung anhand einer Handvoll Parameter. Die lange Fassung des Reports steht im Nutzerkonto online zur Verfügung. Eine eigens dafür entwickelte KI dahinter, die mit dem  erfahrenen Speakercoach und Sprachanalytiker Wladislaw Jachtchenko erarbeitet wurde, gibt detailliert Auskunft darüber, in welchen Bereichen der Speaker sein Talent verbessern kann.

 

EasySpeech ist das erste in Deutschland entwickelte Produkt. Und hier sieht Fabian Friedrichs auch den entscheidenden Vorteil gegenüber dem bestehenden Wettbewerb. In den USA gibt es bereits ähnliche Lösungen auf dem Markt. Virtual Speech und Ovation nutzen einen sehr ähnlichen Ansatz, wobei das Produkt der Hamburger in einem ersten Test eine deutlich einfachere Benutzerführung. Dafür haben die US-Anbieter bereits Module für das Training von 1:1-Situationen im Angebot. Das fehlt bei Dashöfer noch, ist allerdings in Arbeit.

 

Samsung hat unter dem Namen BeFearless ein eher rudimentäres Programm im Angebot und das Münchner Institut DIKT bietet sein VR-Training nicht als SelfService-Tool sondern im Rahmen einer individuellen Betreuung an. Retorio hat sein Produkt in eine etwas andere Richtung gelenkt. Hier wird Virtual Reality als HR-Tool beim Recruiting eingesetzt.

 

Im Grunde setzen alle Systeme auf der gleichen Idee auf: Exposure-Therapy. Der Teilnehmer wird einer Stresssituation ausgesetzt und je öfter er das macht, umso mehr gewöhnt er sich an die Situation und der Stress verringert sich. Im klinischen Alltag werden VR-Systeme seit Jahren dazu eingesetzt, um die Angst vor dem Fliegen, vor großen Höhen oder vor Spinnen abzubauen. Der kalifornische Forscher Rizzo präsentierte vor fünf Jahren ein System namens VITA, den Virtual Training Agent. Der war dafür bestimmt, Menschen mit Sozialstörungen, zum Beispiel Autisten, die Angst vor einem Zweiergespräch zu nehmen, etwa bei einer Bewerbung.

 

In Deutschland leiden rund Dreiviertel aller Menschen unter der so genannten Glossophobie, also der Angst vor dem öffentlichen Sprechen. Gestandene Geschäftsführer, die im Einzelgespräch entspannt und souverän wirken, zittern und schwitzen sich durch den Vortrag auf der Bühne, sobald sie vom Publikum angestarrt werden.

 

Für den Verlag Dashöfer ist das zunächst ein neuer Markt. Zwar werden auch die bisherigen Kunden wie Steuerberater oder Anwälte ihre Angst vor dem öffentlichen Auftritt mit EasySpeech bekämpfen, aber der primäre Zielgruppenfokus liegt auf größeren Unternehmen, die strategisch in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Da werden entweder junge Nachwuchskräfte auf die Karriereentwicklung vorbereitet oder das C-Level wird so ausgebildet, dass die Bühnenperformance der Manager dem entspricht, wie sich das Unternehmen gerne nach außen verkauft.

 

Und mitunter stößt Friedrichs hier auf ganz neue, ihm bislang unbekannte Herausforderungen. „Einer unserer potentiellen Kunden äußerte sehr früh im Gespräch, dass er eine solche Lösung nur einsetzen kann, wenn alle Daten im eigenen Sicherheitssystem bleiben“, erzählt Friedrichs. Klar: Wenn der Geschäftsführer eine interne Präsentation testet, sind da eventuell Inhalte drin, die keiner draußen sehen sollte.

 

Aber Friedrichs sieht solche Herausforderungen sportlich. „Zurzeit macht es richtig Spaß, mit dem Tool zu möglichen Kunden zu gehen. Sobald sie die Brille aufsetzen sind eigentlich alle begeistert und entwickeln jede Menge Ideen, was man damit noch alles machen könnte“, freut sich der Hamburger. Und ihm ist auch klar, dass der Wettbewerb sehr schnell auf diesen Zug aufspringen wird. „Wir haben etwa ein Jahr Vorsprung, dann werden die anderen das auch haben“. Mit „das“ meint er eine VR-Trainingsumgebung. Das spannendste Asset ist für Dashöfer allerdings die Auswertungs-KI im Hintergrund. Und die muss man eben erstmal nachbauen – inklusive deutscher Spracherkennung. Dass KI die Zukunftssicherheit eines deutschen Verlags sichern könnte, hätte man vor drei Jahren wohl auch noch nicht gedacht.

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Über Frank Puscher

Frank Puscher ist Journalist mit über zwei Jahrzehnten Berufserfahrung.

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