Marketing-Börse PLUS - Fachbeiträge zu Marketing und Digitalisierung
print logo

Warum Mensch und KI gemeinsam besser schreiben

KI ersetzt Schreibende nicht. Die besten Texte entstehen im Tandem aus menschlicher Expertise, Authentizität und maschineller Unterstützung.
Dominik Ruisinger | 24.06.2026
Das Framework des Neuen Schreibens © Dominik Ruisinger
 

Seit generative KI-Tools wie ChatGPT, Gemini oder Claude Teil der täglichen Kommunikations- und Marketingarbeit sind, steht im Bereich Text eine zentrale Frage im Raum: Ersetzen sie Schreibende, oder machen sie sie besser? Nehmen sie ihnen die Arbeit ab, oder eröffnen sie neue Möglichkeiten? Das Schreiben hat sich immer verändert: vom Federkiel zum Buchdruck, von der Schreibmaschine zum Textverarbeitungsprogramm. Kaum ein Umbruch wirkt so tiefgreifend wie die Integration von Künstlicher Intelligenz in den Schreibprozess. Wie stark die KI die Kommunikations- und Marketingwelt dominiert, verdeutlichen auch die Ergebnisse der Umfrage "Marketing Trends 2026" (1) der marketing-BÖRSE. Heutiges KI-gestütztes Schreiben zwingt uns, Textarbeit neu zu denken – technisch, methodisch, kreativ. Doch was bedeutet dies konkret für Menschen, die sich täglich mit dem geschriebenen Wort auseinandersetzen? Egal ob sie Beiträge für E-Mail-Newsletter, für Online-Medien und Pressetexte, für Social-Media-Kanäle oder Strategien schreiben? Die folgenden 7 Thesen für ein KI-gestütztes Schreiben zeigen auf, wie der Mensch mit der KI bessere Beiträge entwickelt – mit dem Menschen am Steuer und der KI als Beifahrerin.

These 1: Das Schreiben geschieht im Tandem.

Die heutige Form des Schreibens geschieht im Tandem: mit dem Kopf für die Richtung und mit der KI für den Schub. In dieser Co-Creation nehmen beide Parteien klar definierte Rollen ein. Die KI liefert den Werkzeugkasten: Sie bietet ein ständig sich erneuerndes Reservoir an wertvollen Utensilien für Techniken, Ideen und Inspirationen. Als Co-Autorin unterstützt sie den Menschen, inspiriert ihn und nimmt ihm repetitive Aufgaben ab – effizient, analytisch, korrigierend. Dies liefert ihm Raum für Ideen. Der Mensch bleibt am Steuer. Er ist die zentrale Entscheidungsinstanz, die das Tandem in die korrekte Richtung steuert. Er prüft, bewertet, wählt aus, passt an, personalisiert, schneidet zu und verantwortet das Ergebnis. Qualität entsteht durch diese Entscheidungen und nicht durch einen KI-generierten Rohtext.

These 2: Texte entstehen im Dialog mit einer neuen Mitarbeiterin.

Viele erwarten, dass ihnen die KI perfekte Texte liefert. Sie sind im ersten Moment frustriert, da der Output verallgemeinert, unpersönlich, unzutreffend ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie KI-Systeme als Befehlsempfängerinnen missverstehen, die Befehle in sofort brauchbare Ergebnisse umwandelt. Jedoch ist die KI keine Antwortmaschine, sondern eine Sparringspartnerin. Mit ihr führt der Mensch einen mehrstufigen Prozess, um ein komplexes Puzzle zusammenzusetzen.
Der Mensch muss folglich die KI wie eine neue Mitarbeiterin behandeln. Erst wenn sie eingearbeitet ist, kann sie wirklichen Mehrwert liefern. Je mehr sie miteinander kommunizieren, desto besser können sie sich gegenseitig verstehen. Je mehr sie nachfragen, desto besser werden die Resultate. Je mehr sie kritisieren, desto mehr kann eine Beziehung entstehen. Dieser Kreislauf aus Anfrage, Antwort, Rückfrage, Rückantwort, Verfeinerung ist ein fortlaufendes Gespräch, ein dynamischer Austausch, bei dem eine erste Idee durch gezieltes Feedback reift. Wer bereit ist, sich auf diesen iterativen Dialog einzulassen, gewinnt ein Werkzeug, das die Kreativität erweitert, Perspektiven öffnet und Denkprozesse beschleunigt.

These 3: Schreibtempo bedeutet nicht Textqualität.

Chatbots wie Gemini, Claude & Co. machen es leicht, Inhalte zu produzieren und zu skalieren. KI strukturiert, fasst zusammen und liefert Perspektiven. Und dies in rasendem Tempo. Einige schreiben vom Ende des Journalismus, vom Ende der Texterinnen und Texter, von der einzigen Textmacht namens KI. Doch wer KI als Beschleunigerin versteht, erfährt schnell, dass Geschwindigkeit nicht automatisch Qualität bedeutet. Die künstliche Intelligenz versteht nicht, was sie schreibt. Sie hat weder ein echtes Verständnis noch einen gesunden
Menschenverstand. Sie erkennt Muster. Auf Basis riesiger Datenmengen ermittelt sie mit statistischer Wahrscheinlichkeit, welches Wort auf das nächste folgt. Das Ergebnis kann kohärent, stilistisch sicher und thematisch passend erscheinen – doch es bleibt ein Produkt von Mustern, nicht von gelebten Erfahrungen und gemachten Erlebnissen. Die KI liefert nicht Wahrheit, sondern Wahrscheinlichkeit – und erzeugt Inhalte, die wie Fakten wirken, aber frei erfunden sein können. Diese
Erkenntnis ist kein Makel, sondern Voraussetzung für professionelles Arbeiten: Wer weiß, dass Maschinen keine Intention kennen, übernimmt selbst die Führungsrolle.

These 4: Gelebte Authentizität lässt sich nicht automatisieren.

Mit Hilfe von KI erstellte Texte wirken häufig routiniert, aber beliebig, klingen glatt, aber oft platt, lesen sich professionell, aber oft austauschbar, wirken smart, aber oft unnahbar. Denn ohne eigene Stimme ersetzt die KI nicht das, was einen Menschen unverwechselbar macht: Haltung, Tonfall, Persönlichkeit. Erst konkrete Erlebnisse, originelle Perspektiven, persönliche Learnings, ausdrucksstarke Meinungen und klare Haltungen erzeugen echte Bindung an den Text und Vertrauen in den Autor bzw. die Autorin. Menschliche Handschrift, individuelle Tonalität, persönliches Storytelling werden damit zu Vertrauensankern. Nur Texte, die Menschen berühren, begeistern, fesseln, ärgern, emotional treffen, werden sie motivieren, zu lesen, zu kommentieren oder mit anderen zu teilen. In einer Welt voller Masseninhalte wird Authentizität zum Differenzierungsmerkmal, um nicht im Strom generischer Formulierungen unterzugehen. 

These 5: Menschliches Wissen ist die Basis für gute KI-Texte.

Wie verhalten wir uns beim Lesen? Wie werden Texte wahrgenommen? Was zeichnet gute Sprache aus? Wie müssen Impulse gesetzt werden, um Leserinnen und Leser zu halten? Wer gute Texte verfassen will, benötigt zwingend Basiswissen über die menschliche Informationsaufnahme und -verarbeitung. Dazu sind viele aus dem Nachrichtenjournalismus stammende Regeln wie die Prinzipien der umgekehrten Pyramide und des grafischen Schreibens zentrale Wissensgrundlagen, um Inhalte zielgruppengenau zu gestalten und um
Interessierte zu binden. Nur wer weiß, wann der Text den Qualitätskriterien entspricht, kann die KI als Assistentin einsetzen. Nur wer weiß, wie Content wahrgenommen wird, wie Inhalte strukturiert werden müssen, wird den fertigen, mit KI-Unterstützung erstellten Text
bewerten können. Nur wer dieses Wissen selbst beherrscht, kann KI-Tools darauf hinweisen, bestehende Texte auf diese Eigenschaften hin zu optimieren.

These 6: Sichtbarkeit betrifft die Menschen und die Maschinen.

Texte müssen nicht nur Menschen schmecken. Damit sie sichtbar bleiben, müssen sie auch von Maschinen als wertvoll empfunden werden: Stichwort GEO. In KI-Zeiten sind Inhalte daher so gestalten, dass sie von KI-Systemen verarbeitet und als mögliche Antwort berücksichtigt werden. Dazu müssen Inhalte semantisch strukturiert und klar formuliert werden, damit sie leicht auffindbar, gut analysierbar und extrahierfähig sind. Zudem müssen sie für LLMs verständlich, lesbar und damit zitierfähig sein. Dazu suchen KI-Systeme weniger nach Keywords, sondern nach kontextueller Relevanz, ob Inhalte der Suchintention entsprechen. Eine Sichtbarkeit hängt folglich von der Relevanz, der Struktur und der Qualität des Contents ab, ob Inhalte von Suchmaschinen und Sprachmodellen als vertrauenswürdige Antwortquelle eingestuft werden. Damit gewinnen Mentions & Citations in KI-Systemen sowie Prompt Visibility an aussagekräftiger Relevanz.

These 7: Ein gutes Framework liefert den methodischen Kompass.

Damit das Zusammenspiel von Mensch und Maschine kein Zufallsprodukt wird, muss die Textentwicklung einem Leitfaden folgen. Das folgende Framework zeigt auf, wie Kopf und KI im Tandem zusammenspielen, vom ersten Impuls bis zum fertigen Text. Fünf Phasen – Themen finden, schreiben, optimieren, individualisieren und finalisieren – strukturieren die Zusammenarbeit. Solch ein methodischer Kompass kombiniert die klassischen Prinzipien des Textens mit den KI-Potenzialen. Er darf nicht als Fessel verstanden werden, sondern als
Geländer, das den kreativen Aufstieg Schritt für Schritt begleitet. Solche Leitfäden bilden einen redaktionellen Prozess ab, der nicht nur an der Erzeugung eines Text-Solitärs interessiert ist, sondern an Texten, die effizient entstehen, strategisch durchdacht sind und ihre Zielgruppen auch erreichen.

Fazit: Leitfaden für das neue Schreiben.

Schreiben bleibt ein zutiefst menschlicher Akt, der im KI-Zeitalter neue Formen der Zusammenarbeit erlebt. Die KI hilft, Texte zu entwickeln, der Mensch sorgt für Authentizität, für Emotionen, für Individualität. „The key is to draw the line at getting gen AI to help with your writing, not do your writing for you“, schreibt die Datenjournalistin Alexandra Samuel in der „Harvard Business Review“. (2) Und die Zukunft? „Man könnte meinen, es werde immer etwas einzigartig Menschliches geben, das KI einfach nicht nachbilden kann“ (3), schreibt der Informatik-Professor David Duvenaud von der University of Toronto in einem dystopischen wie visionären Beitrag im Guardian. „Mittlerweile ist klar, dass Maschinen soziale Fähigkeiten genauso erlernen können wie alle anderen.“

Quellen:

1: https://www.marketing-boerse.de/news/details/2611-marketing-trends-2026-80-prozent-sehen-ki-als-relevantes-thema-im-marketing/204223

2: https://hbr.org/2024/12/should-you-write-with-gen-ai

3: https://www.theguardian.com/books/2025/may/04/the-big-idea-can-we-stop-ai-making-humansobsolete